klogsy

“Die Länder der Bundesrepublik Deutschland [...]
               bejahen die Notwendigkeit,
   gemeinsam die materiellen Voraussetzungen zu schaffen,
         daß Wissenschaft und Forschung befähigt werden,
         einen wirksamen Beitrag zum kulturellen und wirtschaftlichen
      Wiederaufbau Deutschlands zu leisten.”
                              (Königsteiner Staatsabkommen, Artikel 1, Absatz 1)
60 Jahre Forschung in Deutschland
W
ie wird in der deutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit geforscht? Dieser historische Umriss zeigt, welches die Hauptthemen in der Forschungslandschaft im geteilten Deutschland der vergangenen sechs Jahrzehnte waren.
   Immer wieder sind bei der Rückschau Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen Entwicklungen, wissenschaftlichen Neuerungen und forschungspolitischen Themen erkennbar. Auffällig ist, dass sowohl in der Struktur der Forschungslandschaft als auch in den wissenschaftlichen Schwerpunkten der Zweite Weltkrieg einen langen Schatten geworfen hat. Das macht die deutsche Forschungsentwicklung in vielerlei Hinsicht zu einem “Sonderweg”.
   Am Beispiel der “Königsdisziplin” der Wissenschaft, der Philosophie, wird dies am klarsten erkennbar. Denn hier trennt die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik mehr als nur eine Mauer. Stellvertretend für den Wissenschaftsbetrieb in West und Ost zeigt die Philosophie, vor welche gewaltige Herausforderung die deutsche Forschungslandschaft nach dem Ende des Krieges gestellt war.

Forschungsstrukturen im Westen
Am 24. März 1949 kommen in Königstein bei Frankfurt die elf Kultus- und Finanzminister der Länder der drei Westzonen Deutschlands zusammen. Ziel ist es, nach den auch für die Forschung verheerenden zwölf Jahren des Nationalsozialismus, den völligen Zerfall von Forschung und Technik zu verhindern und die Finanzierung der Forschungseinrichtungen zu sichern. Im abschließenden “Königsteiner Abkommen” heißt es:

“Die Länder der Bundesrepublik Deutschland [...] bejahen die Notwendigkeit, gemeinsam die materiellen Voraussetzungen zu schaffen, daß Wissenschaft und Forschung befähigt werden, einen wirksamen Beitrag zum kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands zu leisten.”
(Königsteiner Staatsabkommen, Artikel 1, Absatz 1)


Im Wirrwarr der unmittelbaren Nachkriegsjahre, in denen in kurzer Zeit eine gewaltige Umverteilung wissenschaftlicher und technischer Ressourcen stattfindet, markiert das Königsteiner Abkommen eine Wende, die in der bundesdeutschen Forschungslandschaft bis heute Spuren hinterläßt.
   Anders als bei der Gründung der Bundesrepublik, für die am 23. Mai 1949 eine zentrale, souveräne Regierung gewählt wird, gibt es in der bundesdeutschen Forschungslandschaft keine solche zentrale Instanz. Das ist ein Ergebnis der Potsdamer Konferenz, auf der im Jahre 1945 der Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern und die Entnazifizierung von Politik und Kultur festgelegt wird. Die Organisation der Forschung in Deutschland wird von den Siegermächten in einem föderalen Modell aufgeteilt zwischen Ländern und Bund. Denn im atomaren Zeitalter soll es in Deutschland keine zentrale Organisation geben, die - als Nachfolger der in NS-Zeiten mächtigen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft - staatliche Mittel zum Bau von Atombomben missbrauchen könnte.
   So entsteht in der Bundesrepublik die bis heute charakteristische föderalistische Forschungsstruktur. Konkret bedeutet dies, dass die im Jahr 1948 in Göttingen unter der Präsidentschaft des Nobelpreisträgers Otto Hahn (1879-1968) gegründete Max-Planck-Gesellschaft (MPG) von den Ländern mitfinanziert wird. Gleiches gilt für die "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", die 1951 in die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) übergeht. Diese wird mit ihrer Gründung von Bund, Ländern, Stifterverbänden und zusätzlichen
Mitteln aus dem Marshallplan getragen.

Im Jahre 1958 wird durch verschiedene, teils noch im Aufbau befindliche Kernforschungszentren der "Arbeitsausschuss für Verwaltungs- und Betriebsfragen der deutschen Reaktorstationen" gegründet. 1970 wird daraus die Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF). Getragen wird die Arbeitsgemeinschaft von den Ländern und dem Bund. Die Schwerpunkte der Arbeit sind Fragen der Wissenschaftsorganisationen für Großforschungszentren, einschließlich Ausbildung, Besoldung und Patentbehandlung, sowie die Sicherstellung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit. Diese 1995 in Helmholtz-Gemeinschaft umbenannte Institution ist heute die größte Forschungsgemeinschaft Deutschlands.

Den einzelnen Bundesministerien unterstehen jeweils ressorteigene Forschungseinrichtungen, die aus dem jeweiligen Ministeriumsetat gefördert werden: So wird die 1949 gegründete Fraunhofer-Gesellschaft hauptsächlich vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert.
   Damit entsteht in Westdeutschland eine Forschungslandschaft, die als ein bunter Fleckenteppich ihren Platz in Europa und der Welt zu finden sucht. Das bleibt unter den Wissenschaftlern nicht unumstritten. Der Kompetenzanspruch der Länder wird von Anfang an in Frage gestellt. Eine zu starke lokal angesiedelte Forschung wird als erhebliche Benachteiligung angesehen für die Aufgaben einer modernen Wissenschaft. Prominente Wissenschaftler wie Werner Heisenberg (1901-1976) weisen vergeblich darauf hin, dass die moderne Wissenschaft und Technik nationale Fragen aufwirft und dass "die Forschung als Lebensgrundlage aller modernen Gemeinwesen einen unmittelbaren Anschluß verlangt an das Gebiet der Wirtschaft und in mancherlei Hinsicht auch das der Außenpolitik".
SYBE RISPENS science writing - Heisenberg, Physiker, Nobelpreisträger ©
Prominente Wissenschaftler wie Werner Heisenberg (1901-1976) weisen vergeblich darauf hin, dass die moderne Wissenschaft und Technik nationale Fragen aufwirft und dass "die Forschung als Lebensgrundlage aller modernen Gemeinwesen einen unmittelbaren Anschluß verlangt an das Gebiet der Wirtschaft und in mancherlei Hinsicht auch das der Außenpolitik".
Aber das Königssteiner Staatsabkommen stellt durch die überregionale Forschungsförderung einen festen Entschluss dar. Als solches ist es ein Kompromiss zwischen den zentralstaatlichen Interessen und denen der Länder, aber auch ein Kompromiss zwischen der deutschen Geistestradition, in der die Wissenschaft als nationales Kulturgut betrachtet wurde, und einer modernen Erfahrungswissenschaft und ihrer ökonomischen Verwertbarkeit.

Anders als erwartet, ist genau dieser Kompromiss des Königsteiner Abkommens die Grundlage für den weltweit durchschlagenden Erfolg des bundesdeutschen "Sonderwegs". Die Deutsche Forschungsgemeinschaft entwickelt sich zu einer international angesehenen Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft. Sie unterstützt die Wissenschaft in all ihren Zweigen und räumt vor allem der Grundlagenforschung besonders viel Platz ein. Die Max-Planck-Gesellschaft erlangt innerhalb kurzer Zeit eine Spitzenposition in der Forschung in den Natur-, Bio-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Fraunhofer-Gesellschaft wird zur größten und einer der modernsten Organisationen für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen in Europa. Die Helmholtz-Gemeinschaft wächst mit ihren 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von heute rund 2,4 Milliarden Euro zur größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.
   So entsteht in West-Deutschland eine Forschungslandschaft, die sich viel besser entwickelt als jemals erwartet. Wieso war dies so?
   Erstens realisiert die föderale Organisation, dass es eine örtliche Verteilung von Kompetenzen auf verschiedene Institutionen und Personen gibt. Für die Forschung stellt sich diese Vielfalt in der Einheit als großer Vorteil heraus. Denn es lassen sich lokal Kompetenzen und Expertenteams entwickeln, die in einer gewissen Eigenständigkeit und Selbstverwaltung ihre Forschung vorantreiben können. Und zwar auch dann, wenn diese Forschung noch nicht von einer Mehrheit der Forschungsgemeinschaft getragen wird.
   Zweitens etablieren die lokalen Strukturen Nähe zu den Wissenschaftlern. Dies fördert die Experimentierfreudigkeit und die Fähigkeit zu Neuerungen. Auch kommt der lokalen Struktur das für die Wissenschaft immense Bedeutung tragende Serendipitätsprinzip zu Gute; dieses Prinzip besagt, dass neue und überraschende Entdeckungen oftmals durch zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem entstehen. Nah an den Forschungswegen bleibend, können Entscheidungen über diese Art von Entdeckungen lokal und sachgerecht erfolgen.
   Drittens sorgt die Mitsprache des Bundes dafür, dass auch Großforschungsprojekte, welche von den einzelnen Ländern, Kommunen oder Instituten nicht getragen werden können, trotzdem fokussiert, gefördert und umgesetzt werden können. So entstehen zum Beispiel Experimentiereinrichtungen für die Forschung, die aufgrund ihrer Größe und Komplexität nationale und internationale Bedeutung erlangen. Dadurch, dass Großgeräte mit lokalen Forschungsstrukturen kombiniert werden, entsteht eine Mischung, woraus leicht ein reger und fruchtbarer Austausch zwischen den Betreibern der Geräte und der externen Nutzergemeinde entsteht. Dies führt oftmals zu neuartigen Experimente und zur Entwicklung innovativer Instrumente und Forschungsmethoden.
   Viertens liegt ein großer Teil der Grundlagenforschung in den Händen der Selbstverwaltung der Wissenschaft. Dieses Selbstverwaltungsprinzip hat sich bewährt und unterscheidet die Bundesrepublik grundlegend von der Nazizeit und - wie noch zu sehen ist - von der Situation in der DDR.

Forschungsstrukturen im Osten
I
n der sowjetischen Besatzungszone wird eine radikale Entnazifizierung im Wissenschaftsbetrieb durchgeführt. Damit hält man sich strikt an die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz. So kämpft die Wissenschaft im Osten nicht nur mit den Folgen von Flucht, Ausweisung und Ermordung vieler, überwiegend jüdischer Wissenschaftler während des Krieges, sondern auch mit den Folgen der Entnazifizierung und der Demontage. Dies führt zu einem gewaltigen Defizit an Wissenschaftlern und Geräten. Das wissenschaftliche Personal verringert sich in den ersten Nachkriegsjahren um die Hälfte. Es mangelt an wissenschaftlichen Köpfen, Apparaten und an Devisen. Es werden Reisebeschränkungen für Wissenschaftler eingeführt, aber diese können nicht verhindern, dass viele Forscher dauerhaft im Westen bleiben.
   Unter diesen schweren Bedingungen wird 1946 die “Deutsche Akademie der Wissenschaften” als zentrale Instanz der Wissenschaftsorganisation gegründet. Alle wissenschaftlichen Forschungen unterstehen damit direkt den Bestrebungen der Parteiführung. Es entsteht ein großer wissenschaftlicher Apparat, der sich in Zentralinstitute, Institute und Forschungsstellen gliedert. Die Aufgabenstellung der Institute ist begrenzt und umfasst meist Teilbereiche eines Wissenschaftsgebietes. Die Zentralinstitute werden mit den Instituten und Forschungsstellen in thematisch gegliederte Forschungsbereiche zusammengefasst. Die Gebiete decken Naturwissenschaften, wie etwa Physik, Mathematik, Chemie und Biowissenschaften, und die Gesellschaftswissenschaften wie Philosophie, Ökonomie, Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaften ab.
Nach der Neugestaltung der Wissenschaftsorganisation der DDR in den siebziger Jahren, wird die zentrale Rolle der Akademie erheblich erweitert. Mehrere zehntausende (rund 24.000) Beschäftigte führen und lenken die Forschung der DDR. Dabei wird Wissenschaftspolitik immer auch gesehen als ein Instrument für das Erreichen anderer politische Ziele, wie etwa die diplomatische Anerkennung der DDR.
   Durch die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS) kommt es 1963 zu einer Neuausrichtung der bis dahin vornehmlich mit Aufbauarbeit beschäftigten Wirtschaft in der DDR. Mit ihm ändert sich auch die Hochschulpolitik. Naturwissenschaften sind gefragt und somit auch die Lehrer, die diese Fächer unterrichten können. Somit konzentrieren sich fast alle akademischen Bereiche - auch die der Geisteswissenschaften - auf naturwissenschaftliche Themen: In der Philosphie gelangt die Philosophie der Naturwissenschaften zu zentraler Bedeutung. Eine positive Philosophie der Technik unterscheidet sich stark von der Technikkritik in der BRD. Logik und Kybernetik werden zu den besonders geförderten Gebieten. Und überhaupt konzentrieren sich weite Bereiche der Geisteswissenschaften auf die Kybernetik als Universal-Wissenschaft des rationalen Umgangs mit der Regelung und Kontrolle von Organismen und Maschinen.
   Die Grenze zwischen objektiver Naturwissenschaft und ideologischer Interpretation löst sich dabei auf: Schon bald gibt es eine quasi naturwissenschaftliche Legitimierung für den marxistisch-leninistischen gesamtgesellschaftlichen Alltag. Die Philosophie wird ein Instrument im Klassenkampf, mit dem durch den Dialektischen und Historischen Materialismus alles “Bürgerliche” einer umfassenden Kritik unterzogen wird.
   Auch die Akademie der Wissenschaften wird reformiert. Ihre einzelnen Themenbereiche orientieren sich stärker an parteipolitischen und wirtschaftlichen Zielen. Sie steht ab den siebziger Jahren immer mehr im Zentrum des wissenschaftlichen Bestrebens. Es sind die wissenschaftlichen Räte, in denen sich die Institutsdirektoren von Universitäten, Akademien und die Parteisekretäre der SED organisieren, um die Forschung im Sinne der Partei zu lenken, sie geben Richtlinien und Forschungspläne heraus und organisieren Kongresse.
   Gegenüber dem Ausland - besonders dem westlichen Ausland - entsteht eine Position der Isolation.

Auswirkungen
D
ie Auswirkungen der unterschiedlichen Forschungslandschaften im Westen und Osten läßt sich am besten darstellen am Beispiel der Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere der Philophie. Denn im Schatten des Totalitarismus sind die Jahre unmittelbar nach dem Krieg für die deutsche Wissenschaft und Gesellschaft eine Zeit der gegensätzlichen Ideologien. Es wird gerungen um geistige Anschlussstellen nach der Katastrophe. Sowohl im Osten als auch im Westen hegen Wissenschaftler den Anspruch, auf das Erbe der Humboldtschen Forschungsuniversität des 19. Jahrhunderts aufzubauen: Die Einheit von Forschung und Lehre, eine Wissenschaft um ihrer selbst Willen und eine allseitige wissenschaftliche Persönlichkeitsformung. Wissenschaftliche Arbeitsweisen, Tätigkeitsmerkmale und Normen bleiben vorerst unangestastet.
   Aber schon bald führt die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in den Geisteswissenschaften zu grundlegenden Veränderungen durch selbst-reflexive Überlegungen zu Themen wie Macht, Demokratie, Wissenschaft und Dialog. Im Westen entsteht so eine neue, “kritische Gesellschaftstheorie”, im Osten eine neues “sozialistisches Bewusstsein”.

Diese Ausgangssituation unterscheidet sich sehr von der Ausgangslage in den Natur- und Technikwissenschaften: In den ersten Jahren nach dem Krieg findet in den technisch-wissenschaftlichen Bereichen eine wahre Jagd der Siegermächte auf deutsche Forscher statt. Mit unterschiedlichem Druck und oftmals ohne Berücksichtigung jeglicher Nazivergangenheit, werden dabei Forscher von allen vier Mächten für das eigene Wissenschaftssystem requiriert. Einer der bekanntesten ist der deutsche Ingenieur und Raketentechniker Wernher von Braun, der, trotz seiner Arbeit am Raketenprogramm der Nationalsozialisten, nach dem Krieg an leitender Stelle für das amerikanische Luft- und Raumfahrtprogramm eingesetzt wird.
   In den Geisteswissenschaften fehlt ein solcher aus Nutzdenken hervorgebrachter und meist bruchlos stattfindender Übergang. Stattdessen gibt es zwei andere Hauptentwicklungslinien: Bei den Dagebliebenen die Auseinandersetzung mit der eigenen Nazivergangenheit und bei den aus dem Exil zurückgekehrten der Wunsch nach grundlegendem Neuanfang.

Philosophie im Westen
D
as prominenteste Beispiel für die Auseinandersetzung mit der eigenen Kriegsvergangenheit in der Bundesrepublik ist der Freiburger Philosoph Martin Heidegger (1989-1976). Durch seine einjährige Zeit als Rektor der Universität Freiburg ab April 1933 und seine ununterbrochene Mitgliedschaft in der NSDAP gilt er im Jahre 1949 als zu belastet, um das Universitätswesen neu mit aufzubauen.
   Aber zwei Jahre später, nach dem Entnazifizierungsschlussgesetz von 1951, wird anlässlich seiner Emeritierung mit dem Verweis auf die philosophische Bedeutung Heideggers, sein Lehrverbot bereits aufgehoben. Zu den Befürwortern für seine Rehabilitation gehören zwei seiner größten Kritiker: der wegen seiner jüdischen Frau im Dritten Reich mit Lehr- und Publikationsverbot belegte Karl Jaspers, der sich anfänglich selbst für das Lehrverbot ausgesprochen hatte, und die nach Amerika emigrierte jüdische Philosophin und Heideggers und Jaspers' ehemalige Studentin Hanna Arendt. Beide sind trotz Heideggers politischem Verhalten der Meinung, dass seine Philosophie, insbesondere sein großes Werk “Sein und Zeit” eine zeitlose Bedeutung hat.

SYBE RISPENS science writing - Horkheimer, Adorno, Kritische Theorie, Frankfurt ©
Max Horkheimer (l) und Theodor W. Adorno (r) gelten als wichtigste Vertreter der Frankfurter Schule. Alles, was nach Verdrängung und Ausblendung der Nazivergangenheit aussieht, wird von den beiden grundlegend hinterfragt. Sie stellen der schweigenden Mehrheit der unter Hitler mitgelaufenen Denker die Frage nach der Schuld: Wieso konnte Deutschland der Barbarei verfallen?
Diese Trennung von Werk und Leben wird von den Protagonisten der “Frankfurter Schule” - allen voran von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer - verworfen. Alles, was nach Verdrängung und Ausblendung der Nazivergangenheit aussieht, wird von der “Kritischen Theorie” grundlegend hinterfragt. Der schweigenden Mehrheit der unter Hitler mitgelaufenen Denker wird die Frage nach der Schuld gestellt: Wieso konnte Deutschland der Barbarei verfallen? Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nach dem Dritten Reich die gleichen wie vor dem Dritten Reich. Wie kann die Philosophie sich damit begnügen, dass der Krieg überstanden ist, und weitermachen wie zuvor? Was kann nach der nationalsozialistischen Katastrophe noch übrig bleiben vom philosophischen Denken, der Gesellschaftskritik und überhaupt der Rolle der Vernunft?
   Die Fragen der Frankfurter Schule treffen die Bedürfnisse der Nachkriegsgeneration. Diese verlangt Rechenschaft von ihren Eltern: Wieso konnte der Übergang von der Shoah zum Wirtschaftswunder so nahtlos verlaufen?
   Es ist vor allem die Interdisziplinarität der Kritischen Theorie, die ihr als wissenschaftliche Forschungsrichtung einen großen nationalen und internationalen Einfluss gibt. Es werden rundum in den Geisteswissenschaften neue Wege gesucht: in der Philosophie und Soziologie, der Politikwissenschaft, Ökonomie, Rechtswissenschaft und Psychologie, aber auch in Literatur- und Musikwissenschaft, der Ästhetik und der Medientheorie. Auch ist die Kritische Theorie der theoretischer Wegbereiter für die 68er Studentenbewegung.
   Zum Erfolg der Kritischen Theorie trägt auch die grundlegende Hinterfragung der Theoriebildung bei: Theorie wird als historisch und gesellschaftlich bedingter Prozess aufgefasst. Jede Theorie muss deshalb geprägt sein von einer kritischen Selbstreflexion. Dabei stehen die gesellschaftskritische Methoden von Karl Marx Modell.
   Der internationale Einfluss der Frankfurter Schule erklärt sich auch dadurch, dass die Theoretiker der Fankfurter Schule in den dreißiger Jahren alle ins Exil gegangen sind, und somit moralisch unbelastet sind. Außerdem haben sie bei der Forschung in Amerika durchgängige Organisationserfahrung gesammelt im internationalen wissenschaftlichen Betrieb. So gelingt es bereits im Jahr 1949, kurz nach der Ankunft von Max Horkheimer in Frankfurt, durch eine Petition die Wiedereröffnung des Instituts zu erreichen und weitere wissenschaftspolitische Weichen zu stellen.
   So etabliert sich die Kritische Theorie rasch als neuer Forschungsbereich in einem Land, das mit Vergangenheitsverdrängung und Aufarbeitungsbedürfnis ringt. Dadurch, dass sie von Anfang an, neben ihrer praktischen und anwendungsorientierten Forschung auch immer stark als Grundlagenforschung betrieben wird, verändert die Kritische Theorie nachhaltig das Gesicht der modernen Geisteswissenschaften in der Welt. Dazu tragen neben den in Deutschland arbeitenden auch die in den USA verbliebenen Vertreter der Frankfurter Schule, wie Herbert Marcuse, bei.


Philosophie im Osten
D
ie Ausgangssituation in der sowjetischen Besatzungszone unterscheidet sich stark von der in den Westzonen. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wird die Entnazifizierung als eine Art “Schlusstrich” durchgeführt. Es wird ein neues “sozialistische Bewusstsein” gesucht.
   Bereits im Wintersemester 1945/46 kommt es in den Philosophischen Fakultäten zu einer Abgrenzung und einer Neudefiniton der Philosophie. Vielfach bestehen die ersten Arbeiten aus der Rezeption sowjetischer Literatur und der Suche nach einem entnazifizierten philosophischen Denken. Lenins Werke bilden ab 1951 die Grundlagen der Philosophie der DDR. Diese Hinwendung zum Marxismus-Leninismus legt den Grundstein für eine eigene Form der Philosophie, die in der DDR mit ganz eigenen Mechanismen der historischen Legitimation versehen wird.

SYBE RISPENS science writing - Marx, Engels, Alexanderplatz, Berlin
Marx-Engels-Forum im Winter. Die Denkmalanlage in Berlin-Mitte wurde drei Jahre vor der Wende eingeweiht. Hauptteil des Ensembles und an zentraler Stelle aufgestellt ist eine Skulptur, die von Ludwig Engelhardt stammt. Sie besteht aus überlebensgroße Bronzefiguren von Karl Marx (sitzend) und Friedrich Engels. Höhe: 3,85 m
Allerdings stellt sich der philosophische Neuanfang als schwierig heraus. Es mangelt fachbedingt in den philosophischen Fakultäten fast vollständig an unbelastetem Personal. Es gibt, anders als im Westen, auch keine Rückkehr exilierter Forscher. Namhafte Philosophen, wie Hans-Georg Gadamer und Hans Leisegang wechseln schon bald in den westlichen Besatzungszonen. Außerdem gibt es immer wieder politische Einmischungen, die eine qualifizierte Forschung fast vollständig verhindern: So wird 1956 der Philosoph Wolfgang Harich im Zusammenhang mit dem Volksaufstand in Ungarn verhaftet und zu 10 Jahren Haft verurteilt. Ähnliches trifft für Georg Lukács als Schlüsselfigur des ungarischen Volksaufstandes zu. Lukács Philosophie wird von offizieller Seite diskreditiert. Der bis heute als bedeutendster Philosoph der DDR geltende Ernst Bloch verliert - nachdem er sich für den “humanen Sozialismus” einsetzt - 1957 seinen Lehrstuhl in Leipzig und kehrt nach dem Mauerbau 1961 nicht von einer Reise aus Westdeutschland zurück. Kaum anders ergeht es ab 1964 Robert Havemann und 1977 Rudolf Bahro. Neben solcher Repression an kritischen Denkern fehlen für die Philosophie jegliche eigenständige Forschungsstrukturen. Wie nun die DDR-Philosophie gestalten?
   Um die Defizite auszugleichen, werden gleich zu Beginn zwei Maßnahmen ergriffen: Erstens kommt es schon bald zur Ausbildung von Arbeiter- und Bauernfakultäten. Das Ziel ist es, breite Schichten der Bevölkerung einer höheren Bildung zuzuführen. Außerdem soll die Schnellausbildung neuer Dozenten für den Hochschulbereich dafür sorgen, dass die philosophischen Institute wieder den Lehrbetrieb aufnehmen können. So werden philosophisch fachfremde Personen Leiter verschiedener philosophischer Institute, wie zum Beispiel der Zahnmediziner Hermann Ley und der Journalist Kurt Hager. Schon nach zweijähriger Ausbildung lehren sie marxistisch-leninistische Philosophie.

Während sich in der Bundesrepublik eine Vielzahl philosophischer Strömungen etabliert, beschränkt sich die Philosophie in der DDR auf nur wenige Kerngebiete. Diese werden als gesamtgesellschaftlich angesehen und diskutiert. Als historisches Selbstverständnis wird der Marxismus mit seinen drei Säulen gesehen. Zum einen wird, dadurch dass Marx auf den Werken des Deutschen Idealismus aufbaut, die Philosophie von Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ludwig Feuerbach gelehrt. Als zweite Säule der marxschen Philosophie findet sich die klassische Nationalökonomie. Durch Marx' Kritik an den ökonomischen Theorien von etwa Adam Smith und David Ricardo wird diese Debatte als Teil der philosophisch-historischen Auseinandersetzung gesehen. Als dritte Säule der marxistischen Philosophie kommen die gesellschaftlichen Theorien, die infolge der Französischen Revolution entstanden sind, hinzu: Der Utopische Sozialismus, mit ihren Vertretern wie Charles Fourier, Henri de Saint-Simon oder Wilhelm Weitling.
   Diese Mischung aus historischem und dialektischem Materialismus, politischer Ökonomie und Geschichte der Gesellschaftstheorie bildetet die Grundlage der systematischen Forschung der Philosophie in der DDR.

Ab der zweiten Hochschulreform 1951 wird das Philosophiestudium auf fünf Jahre angelegt. Gleichzeitig führt man für alle Studierenden ein zweijähriges Grundlagenstudium Marxismus-Leninismus ein.
   Allerdings führt das Heranwachsen neuer Philosophen schon bald zu einem Generationskonflikt. Dieser wird noch weit bis in die DDR-Geschichte hinein weiterwirken. Es entsteht ein Konflikt zwischen den im Grunde genommen fachfremden Neudozenten und ihren Schülern. Die Schüler können im Rahmen einer gründlicheren Ausbildung sich Positionen aneignen, die die der Lehrer oft übersteigt. Somit zeigt sich in der DDR immer wieder ein Spannungsverhältnis zwischen Denkern und ihren Rezeptionen, zwischen Forschung und Parteifunktionären.   
   Trotz alledem bilden sich in der DDR auch Bereiche relativ ungestörter philosophischer Forschung heraus. Diese finden ihren Niederschlag in den international als herausragend anerkannten Editionsarbeiten der Werke deutscher Philosophen wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Für die Veröffentlichung solcher Werke gibt es in der DDR ein streng geordnetes Publikationssystem. Editionsarbeiten sind die Regel, Monographien die Ausnahme, oft wird in Autorenkollektiven gearbeitet. Erwähnenswert ist die “Deutsche Zeitschrift für Philosophie”, die als eine der wenigen Fachzeitschriften der DDR die Wende überlebt hat. Sie gehört heute zu den bedeutenden philosophischen Zeitschriften des vereinigten Deutschland.

Nach der Wende
N
ach der Wende treffen die beiden grundverschiedenen Forschungssysteme in West und Ost zusammen: in der Bundesrepublik eine in Selbstverwaltung zu großer Blüte gekommene Wissenschaft, insbesondere bei der Grundlagenforschung, in der DDR als der Mittelpunkt aller Forschungsaktivitäten die Akademie der Wissenschaften.
   Die Abwicklung der Akademie der Wissenschaften wird in den neunziger Jahren Kernpunkt eines Programms zur Vereinigung der beiden Forschungssysteme in Ost und West. 1991 kommt es, nach Evaluierung durch den Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland, zu einer Auflösung der bestehenden Strukturen. Die Forschungslandschaft in den neuen Bundesländern wird gänzlich nach dem föderalen Modell der Bundesrepublik neu strukturiert. Es werden neue langfristige Forschungs- und Editionsvorhaben gestartet, Bibliotheken und Archive werden mit denen im Westen vernetzt.
   Die Förderung der Zusammenarbeit unter deutschen Forschern wird eine der Kernaufgaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es wird aktiv der Austausch unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gesucht. Die vielen Anstrengungen der Integration der beiden Teile Deutschlands werden in relativ kurzer Zeit von großen Erfolge gekrönt: Es entstehen außerordentlich fruchtbare Kooperationen zwischen Forschern verschiedener Fachdisziplinen aus neuen und alten Bundesländern.
   So kann heute die Forschung des vereinigten Deutschlands im europäischen und globalen wissenschaftlichen Betrieb ganz vorne mitspielen.

---
Reagieren? Schreiben Sie uns!


creative commons 2009, SYBE RISPENS science writing



SYBE RISPENS science writing -
Dieser Text ist erschienen als Teil des Wissenschaftsjahrs 2009, "Forschungsexpedition Wissenschaft", im Auftrag vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.




Literatur
Arendt, Hannah / Jaspers, Karl: Briefwechsel 1926-1969, hg. v. Lotte Köhler und Hans Saner. München: Piper, 1993 (Serie Piper Band 1757)
Baumgartner, Gabriele / Hebig,Dieter: Biographisches Handbuch der SBZ/DDR 1945-1990 (2 Bände). München: Saur, 1996/1997.
Dahms, Hans-Joachim: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Band 1058).
Frühwald, Wolfgang Jauß, Hand Robert; Koselleck; Reinhart; Mittelstraß, Jürgen. Geisteswissenschaften heute, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991.
Frühwald, Wolfgang. Das deutsche Wissenschaftssystem auf dem Weg nach Europa, Paderborner Universitätsreden; 44, Paderborn: Rektorat der Universität Paderborn, 1994.
Gerwin, Robert. Wie die Zukunft Wurzeln schlug. Aus der Forschung der Bundesrepublik Deutschland, Berlin: Springer-Verlag, 1989.
Fuhr, Eckhard: Geschichte der Deutschen 1949-1990. Frankfurt am Main: Insel, 1990.
Gräser, Andreas: Positionen der Gegenwartsphilosphie. Vom Pragmatismus bis zur Postmoderne. München: Beck, 2003 (Beck’sche Reihe Band 1455).
Herbst,Andreas / Ranke, Winfried / Winkler, 6Jürgen: So funktionierte die DDR. Lexikon der Organisationen und Institutionen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.
Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945-1990. Köln: Edition Deutschland Archiv, 1995.
Kocka, Jürgen; Nötzoldt, Peter. Die Berliner Akademien der Wissenschaften im geteilten Deutschland 1945-1990, Interdisziplinäre Arbeitsgruppen Forschungsberichte herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Band 9, Berlin: Akademie Verlag, 2002.
Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowckocktail, 1946-1995. Ein Programm des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Hamburg: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 1998.
Band 1: Chronik;
Band 3: Aufsätze und Kommentare.
Kuczynski, Jürgen: Ein Leben in der Wissenschaft der DDR. Münster: Westfälisches Dampfboot, 1994.
Lehmann, Hans Georg: Deutschland-Chronik 1945 bis 2000. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2000 (Schriftenreihe Band 366).
Maffeis, Stefania: Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformationen der DDR-Philosophie 1945-1993. Frankfurt am Main: Campus, 2007 (Campus Forschung Band 922).
Müller-Enbergs, Helmut / Wielgohs, Jan / Hoffmann, Dieter (Hgg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon. Berlin: Christoph Links Verlag: 2001.
Nida-Rümelin, Julian / Özmen, Elif (Hg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Stuttgart: Kröner, 2007 (Kröners Taschenbuchausgabe Band 423).
Richter, Edelbert; Wipperfürth, Christian. Wissenschaftskatastrophe. Zur Situation von Forschung und Hochschulen in den neuen Ländern, Broschüre der SPD-Abgeordneten im Europäischen Parlament: 1993.
Schnädelbach, Herbert / Keil, Geert (Hgg.): Philosophie der Gegenwart - Gegenwart der Philosophie. Hamburg: Junius, 1993.
Türcke, Christoph / Bolte, Gerhardt: Einführung in die Kritische Theorie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994 (Die Soziologie. Einführung in Gegenstand, Methoden und Ergebnisse ihrer Teildisziplinen und Grundwissenschaften).
Zimmermann, Hartmut: DDR-Handbuch, hg. v. Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1985.



main navigation www.rispens.de, Dr. Sybe Izaak Rispens, SYBE RISPENS science writing
looking glass
last update: 4/12/2009
SYBE RISPENS science writing, papershade