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"Die Fragestellungen in Wissenschaft und Gesellschaft
                  sind oft unterschiedlich,
            aber die Ziele sind manchmal sehr vergleichbar."
Invented in Germany: Forschung für den Alltag
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nser Alltag ist durch Forschung bestimmt: Viele alltagsprägende Innovationen sind erst durch jahrelange wissenschaftliche Arbeit im Labor möglich. Die grundlegenden Veränderungen, die durch neue Ideen ausgelöst werden, stellen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft sowie jeden Einzelnen immer wieder vor neue Herausforderungen. Wie sahen diese Veränderungen in Deutschland in den letzten 60 Jahren aus? Welche Produkte, Erfindungen und Entwicklungen haben den deutschen Alltag geprägt?

1949-1959
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irekt nach dem Krieg herrscht in Deutschland das Zeitalter der Chemie: In den Laboren entstehen zahlreiche neue chemische Verbindungen. Auch werden neue Methoden entwickelt, mit denen sich chemische Stoffe leichter in der Massenproduktion herstellen lassen. So erfinden Kurt Alder und sein Lehrer Otto Paul Hermann Diels eines der wichtigsten Syntheseverfahren der organischen Chemie schlechthin, die sogenannte Diels-Alder-Reaktion. 1950 gewinnen beide für ihre Forschung den Nobelpreis für Chemie.

Die Erfindung von Alder und Diels führt auch im Alltag zu großen Veränderungen: Mit neuen chemischen "Wunderstoffen" geht man gegen krankheitsübertragende Insekten oder Pilze vor. Die Chemie hilft beispielsweise bei der Bekämpfung von Schimmel, Läusen, Termiten, Heuschrecken und Drahtwürmern. Deutschland wird im Bereich der Pflanzenschutzmittel der größte Exporteur der Welt. Einer der hochgiftigsten Stoffe wird sorglos einem deutschen Nobelpreisträger gewidmet und nach ihm benannt: "Aldrin". Das Insektizid ist nicht nur giftig, sondern geht auch in die Nahrungskette über. Erst im Jahr 2001 wird ein weltweites Verbot zur Herstellung, Verkauf und Anwendung von Aldrin ausgesprochen.
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Aldrin ist eine Chlorverbindung, und nicht nur im Bereich der Pflanzenschutzmittel nimmt die Bedeutung von Chlor und der Chlorforschung stark zu. So verfünfzigfacht sich der Chlorbedarf in der Kunststoffproduktion zwischen 1940 und 1977. Chlor wird wegen seiner Reaktionsfähigkeit in der chemischen Industrie zum Allzweckmittel. Deutsche Forscher entwickeln unzählige Methoden, wie die Produktion und der Umgang mit Chlor effizienter und billiger werden kann. Vor allem in der Massenproduktion von Kunststoffen wie Polyurethan (PU), Polycarbonat (PC) und Polyvinylchlorid (PVC) bringt das große Vorteile. Es kommen immer billigere Kunstroffprodukte auf dem Markt.
   
Der Chemiker Karl Ziegler nimmt in den fünfziger Jahren in Aachen seine vor dem Krieg begonnenen Arbeiten wieder auf. Er experimentiert mit sogenannten Kettenmolekülen. Als Zufallsprodukt entsteht dabei ein Kunststoff, der sich unter Erhitzung leicht verformen lässt: Polyethylen (PE). Dank Zieglers Methode (für die er 1963 den Nobelpreis bekommt) lässt sich dieser Kunststoff – anders als mit den damals bekannten Methoden – ohne speziellen Hochdruck herstellen. Und dies macht ihn besonders geeignet für den industriellen Einsatz: Im Alltag wird Polyethylen seit 1957 in großen Mengen eingesetzt. Vor allem in Rohrleitungssystemen für die Gas- und Wasserversorgung, für die elektrische Isolierung von Kabeln sowie für Verpackungsmaterialien wird es verwendet.
Wer heute eine Verpackung öffnet, trifft oftmals auf ein weiteres Forschungsergebnis aus den Hochzeiten der deutschen Chemieforschung: Das 1951 vom BASF-Chemiker Fritz Stastny entwickelte Polystyrol (PS) findet unter dem Namen „Styropor“ auf der ganze Welt als Verpackungs- und Isoliermaterial Verwendung.    
Die deutsche Chemieforschung führt 1958 auch zu einer der unscheinbarsten und gleichzeitig unentbehrlichsten Erfindungen für den Alltag: zu einem Dübel aus Polyamid durch Artur Fischer. Der Spreizdübel wird heute weltweit täglich 14 Millionen mal verarbeitet.
Auch im Bereich der Automobiltechnik wissen deutsche Forscher und Erfinder mitzumischen. Bereits 1951 patentiert Walter Linderer in München die erste Idee eines Airbags zum Schutz der Fahrzeuginsassen bei einem Zusammenstoß. Es dauert allerdings noch dreißig Jahre, bis Merzedes-Benz die Erfindung in die Praxis umsetzen kann.

1959-1969
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ls Folge des bundesdeutschen “Wirtschaftswunders” wird die Bundesrepublik in den sechziger Jahren zum größten Exporteur der Welt. Ein Drittel der Industrieproduktion geht in den Export: Damit lassen die Deutschen selbst die Japaner, die damals spektakulären Aufsteiger der Weltwirtschaft, weit hinter sich. Die Perfektionierung der Küche mit Kühlschränken und modernen Küchenmaschinen, die Automatisierung der Büros mit Transport- und Kommunikationsanlagen und die Verbesserung der Verkehrsmittel sind Top-Priorität.

Einer der größten Forschungserfolge aller Zeiten greift in den Alltag ein: die Antibabypille. Nachdem in den fünfziger Jahren amerikanische Wissenschaftler entdecken, dass ein Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron Empfängnis verhütend wirkt, bringt die Berliner Schering AG die Antibabypille unter dem Namen "Anovlar" in Europa als erste auf den Markt. In der DDR wird die Antibabypille unter dem Namen "Ovosiston" produziert und ab 1965 kostenlos verteilt. In der Bundesrepublik wird die Antibabypille monatlich in einer Größenordnung von 500.000 Packungen verkauft. Ob der in den Jahren danach zu verzeichnende Rückgang der Geburtenrate in der Bundesrepublik von 18,2 auf 10,3 pro Tausend Einwohner ausschließlich auf die Antibabypille zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig belegen. Aber zu welchen immensen gesellschaftlichen Veränderungen Forschung imstande ist, wird eindrucksvoll am Beispiel der Antibabypille deutlich.

Im Jahr 1967 gelingt in Südafrika die erste Herztransplantation bei einem Menschen. Möglich ist dies dank eines Immunserums, das von Walter Brendel und Rudolf Pichlmayr in München entwickelt wurde. Überhaupt beginnt die Forschung jetzt Mensch und Tier als Teil des technischen Fortschritts zu verstehen. Deutschland wird das Land der “Hochleistungs- und Spitzentechnologie“. Forscher setzen Wissen um in ”high tech“ und es beginnt eine Phase der großen Technikeuphorie. In der Bundesrepublik steigt die Zahl der Patentanmeldungen stark an.
Hier wie auch in der DDR wird die Mechanisierung der Schlachthäuser – in den fünfziger Jahren noch als ”Horror des Amerikanismus“ bezeichnet – perfektioniert. In der Landwirtschaft vollzieht sich, viel mehr als in allen anderen großen Wirschaftssektoren, eine technische und industrielle Umwälzung – mit immensen Folgen für den Alltag. Der Traktor verdrängt die Zugtiere und der Mähdrescher macht Höfe menschenleer. Dabei lässt sich die Mechanisierung bei der Viehhaltung sogar noch weiter treiben als beim Ackerbau. Erfolgreiche deutsche Traditionen im Maschinenbau werden dabei forgesetzt und mit amerikanischen Managementmethoden verbessert.

Generell tendiert die Forschung dazu, solche Technolgien zu entwickeln, die den Lohnanteil am Produkt verringern. Das Ergebnis: Kühlschrank und Waschmaschine für Jedermann, das Fertiggericht aus der Tiefkühltruhe, Selbstbedienungsläden, Wegwerfprodukte, tägliche Dusche, Mittelmeerreise und Pizzeria - Forschungsleistungen verändern den Alltag in Deutschland maßgeblich.

1969-1979
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as Zeitalter der gesellschaftlich umstrittene chemischen und kerntechnischen Großprojekte, an denen sich viele Forschungseinrichtungen und -institutionen beteiligen, kommt zu einem Ende: Die in Deutschland mit großem Aufwand entwickelten Konzepte in der Kerntechnologie, wie der “Schnelle Brüter”, werden fallengelassen. Die Kernergie überhaupt verliert ihre Vorreiterrolle innerhalb der hochtechnologischen Entwicklungen. Mikroelektronik und Gentechnik fangen an, die Rolle der Chemie und der Kerntechnologie abzulösen.
Bei der Entwicklung der Mikroelektronik folgt Deutschland Entwicklungen in den USA: Zwar werden hierzulande auch Großrechneranlagen hergestellt - die Geräte von Zuse und Hollerith voran-, aber die Automatisierung verläuft in der Industrie schleppend, denn die Technik ist für die in Deutschland so charakteristischen Klein- und mittelgroßen Unternehmen (KMU) eigentlich ungeeignet. Der Paderborner Computerbauer Heinz Nixdorf wird sehr erfolgreich, weil er eine Komplettlösung für die KMU herstellt: bezahlbare Rechnersysteme mit integrierten Servicedienstleistungen.
Deutsche Forscher wissen noch einen weiteren Bereich der Mikroelektronik erfolgreich für den Alltag umzusetzen: In der Automobilindustrie halten Innovationen Einzug, die nur dank elektronischer Regelsysteme möglich werden. Dabei wird die Feinmechanik mit modernster Elektronik kombiniert, was zu Durchbrüchen in der PKW-Technologie führt. Mitte der siebziger Jahre ist die erste Generation des elektronisch geregelten Anti-Blockier-Systems (ABS) ausgereift. Bosch hatte in den dreißiger Jahren bereits Patente für eine “Vorrichtung zum Verhüten des Festbremsens der Räder eines Kraftfahrzeuges”. Dank elektronischer Regelungen ist es nun möglich, die Menge der Bauteile erheblich zu reduzieren. Deutschland nimmt weltweit eine Vorreiterposition in diesem Bereich ein. Zunächst ist ABS für die Mercedes S-Klasse erhältlich, dann für die Spitzenmodelle von BMW.

Auch in der Entwicklung des elektronisch geregelten Dreiwegkatalysators gehören deutsche Innovationen zur Weltspitze. Essentiell dabei ist eine regelungstechnische Beherrschung des Verhältnisses von Luft und Kraftstoff, um eine bestmögliche Abgasreinigung zu erreichen. Dies gelingt nur mit einer im Abgasstrom angeordeneten Sonde, die den Restsauerstoff der Abgase misst. Die Messwerte werden zu einem elektronischen Regelwerk im Auto geführt. Somit ist die Entwicklung des geregelten Dreiwegkatalysators ein erfolgreiches Beispiel für das Zusammenspiel zwischen Forschung und Entwicklung in sowohl der Automobil als auch der Automationsindustrie.

Im Jahr 1979 entwickelt Telefunken die Mini-Disk, eine CD-ähnliche Scheibe, auf der Audiodaten digital gespeichert werden. Während die Konkurrenz Philips und Sony gleich zwei revolutionäre Systeme auf einmal entwickeln, nämlich die digitale Kodierung der Daten und die optische Abtastung, beschränkt Telefunken sich auf die ditigale Kodierung. Die Abtastung der Daten erfolgt wie bei einer herkömmlichen Schallplatte (LP).Der Vorteil davon ist, dass es keine neue Materialien oder neue Produktionsverfahren braucht, denn die Mini-Disks lassen sich wie Schallplatten herstellen. Trotzdem kann die Technik sich gegen die Compact Disk (CD) nicht durchsetzen.

1979-1989
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nter dem Titel “Telematik” wird in Deutschland die Verkoppelung von Telefon, Computer und Fernsehen angegangen. Die Zahl der Computer ist in der Bundesrepublik bereits von 7.260 im Jahr 1970 auf etwa 180.000 gestiegen. Es werden neue Hochleistungs-Datenfernverbindungen aus Glasfaserkabeltechnik verlegt – bei dieser Technik sendet man digitale Informationen mittels Lichtwellen, die von Lasern ausgestrahlt werden.
   Eine Vielzahl von deutschen Forschern hat dafür gesorgt, dass der Bereich überhaupt entstehen kann. So entwickelt der deutsch-französische Physiker Alfred Kastler im Jahr 1950 das System des “optischen Pumpens”, bei dem Atome, die mit etwas Licht angestrahlt werden, selber erheblich mehr Licht ausstrahlen. Diese Technik führt direkt zur Entwicklung des Lasers (1969 bekommt Kastler für seine Arbeiten den Nobelpreis). Auch die Nobelpreis gekrönten Arbeiten an Halbleitermaterialien des Physikers Herbert Kroemer sind – wie im Abschnitt 1999-2009 noch gezeigt wird – für die optische Telekommunikation grundlegend. Die im Jahr 1985 ausgezeichneten Arbeiten von Klaus von Klitzing sind bis heute für die Entwicklung der Nanoelektronik und die Erforschung der physikalischen Eigenschaften von Halbleitern, etwa im Zusammenspiel mit Licht, sehr wichtig. Die zu verschickende Datenmengen nehmen auch zu, denn 1988 entwickelt der spätere Nobelpreisträger für Physik, Peter Grünberg, den Riesenmagnetwiderstand (giant magnetoresistance, GMR), mit dem heutige Festplatten mit hoher Speicherdichte erst möglich wurden.

Nachdem auch die “Letzte Meile” von den Telefonzentralen zu den Endverbrauchern mit dem Verlegen von ISDN-Netzwerken aufgewertet wird, findet in Deutschland der Anschluss auf dem Gebiet der Telekommunikation gegenüber den USA und Japan statt. ISDN ist eine europäische Forschungsleistung, denn der offene Standard für das digitale Telefonnetz wird vom europäischen Institut für Telekommunikationsnormen festgelegt. Immerhin dauert es noch bis 1984, bis in Deutschland die erste E-Mail empfangen wird: Forscher der Universität Karlsruhe erhalten dabei eine Grußbotschaft der US-amerikanischen Plattform CSNET. Der Computer hält bereits 1980 auch Einzug in die Musiklandschaft Deutschlands; immer mehr Popbands nutzen die Möglichkeit, mit dem Computer Klänge zu erzeugen und setzen auf diese neuen Klangwelten aus Mikrochips. Schon 10 Jahre später ist der Computer aus der Musikindustrie nicht mehr wegzudenken.
   Die allumfassende Vernetzung in Deutschland trägt auch zu Forschungsentwicklungen in Europa bei. So werden an der Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf 1989 die Grundlagen für das World Wide Web geschaffen.

Auch im Bereich Fernsehen ist es das Zeitalter der großen Vernetzung: Im Jahr 1980 kommt der Bau der größeren Fernsehsender in der Bundesrepublik zum Abschluss – damit sind 98 Prozent der Bevölkerung mit drei Sendern versorgt – jetzt wird damit begonnen, die Netzwerke für das Kabelfernsehen zu verlegen. Das erste Kabelfernsehprojekt der Bundesrepublik nimmt seinen Betrieb in Ludwigshafen auf.

Im Bereich der erneuerbaren Energien finden die ersten Experimente statt. Im Jahr 1987 wird der erste Windenergiepark der Bundesrepublik am Kaiser-Wilhelm-Koog in Schleswig-Holstein in Betrieb genommen. Die Windmühlen sind klein und störungsanfällig – wer sie in den achtziger Jahren sieht, wird kaum glauben können, dass bereits zwanzig Jahre später zum Beispiel in den Bundesländern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt in einem Windjahr mehr als ein Drittel des Landesstromverbrauchs aus Windkraft gedeckt wird. Das erste deutsche Solarkraftwerk geht 1983 auf der Nordseeinsel Pellworm in Betrieb. Auch hier hätte man nicht ahnen können, dass heute etwa jedes zweite weltweit installierte Solarmodul aus deutscher Herstellung stammt. Die Möglichkeiten, die sich mit den erneuerbaren Ernergiene bieten, führen zu einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion über die Energie der Zukunft, die bis heute anhält.

Auch der Fortschritt in der Medizintechnik beginnt sich in der Bundesrepublik eng zu verzahnen mit den Entwicklungen in der Elektronik und Feinmechanik. Im medizinischen Bereich zeigt sich der Vorsprung zum Beispiel in der Endoskopie. Hier geht es um die Möglichkeit operieren zu können, ohne den Körper des Patienten großflächig öffnen zu müssen. Einer der Pioniere der „Schlüsselloch-Chirurgie“ ist der Kieler Gynäkologe Kurt Semm – er hat vor seinem Medizinstudium den Beruf des Werkzeugmachers gelernt. Im Jahr 1980 führt er die weltweit erste endoskopische Blinddarmoperation durch.
Generell wird die Verschmelzung von Informatik und Maschinentechnik einer der Hauptgründe dafür, dass sich die Kluft zwischen West- und Ostdeutschland vergrößert: In der DDR liegt die elektronische Steuerung der Geräte weit hinter dem Niveau im Westen.

1989-1999
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ie Konvergenz der Medien zu Multimedia deutet sich an: Bilder, Töne, Messdaten und generell alle möglichen Informationen werden mittels digitaler Signale gesendet und gespeichert. Siemens beginnt im Jahr 1993 mit der Errichtung der ersten deutschen "Datenautobahn" zwischen Köln, Berlin und Hamburg per Glasfaserkabel. Ein Jahr zuvor ist das erste GSM-Netzwerk der Telekom in Betrieb gegangen. Die Flächendeckung in der Bundesrepublik beträgt 50 Prozent.
Dies muss als das Ergebnis einer beachtenswerten Leistung innerhalb eines europäischen Projektes angesehen werden. Denn Deutschland ist in den achtziger Jahren der “Groupe Spécial Mobile” (GSM) beigetreten. Das Ziel ist, einen europaweiten offenen Standard für mobile digitale Funktelefonnetzwerke festzulegen. Aber hohe Sicherheitsstandards, Herausforderungen bei der Skalierbarkeit und die Notwendigkeit, zu anderen internationalen Standards technisch kompatibel zu bleiben, erfordern einen umfangreichen Planungs- und Programmieraufwand.
Deutsche Institutionen und Unternehmen spielen beider Bewältigung der technischen Probleme eine herausragende Rolle. Im Jahr 1994 ist die Komplexität des Systems soweit unter Kontrolle, dass eine erste SMS in Deutschland verschickt werden kann.

Im Jahr 1993 verlässt der weltweit erste FCKW- und FKW-freie Kühlschrank das Werk der Firma DKK Scharfenstein im neuen Bundesland Sachsen. Die bis dahin eingesetzten Fluor-Verbindungen tragen maßgeblich zum Abbau der die Erde schützenden Ozonschicht bei. Durch den Einsatz von Propan und Butan als Kühlmittel unddie Verwendung von pentangeschäumtem Polystyrol als Isoliermaterial gelingt es, die ozonzerstörenden Substanzen aus der Produktion von Kühlgeräten zu verbannen. Bis heute sind mehr als 300 Millionen Geräte nach dem Greenfreeze-Standard hergestellt worden. Der Weltmarktanteil dieser Geräte beträgt rund 40 Prozent.

1995 wird erstmals das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) auf den Markt gebracht. Es ist ein elektronisch gesteuertes Fahrassistenzsystem für Kraftfahrzeuge, das durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder dem Ausbrechen des Wagens entgegenwirkt. Vorreiter bei der Entwicklung von ESP sind die Firmen Bosch und Mercedes-Benz. Es wird erstmalig 1995 bei den Modellen der S-Klasse in Serie eingeführt. Heutzutage wird fast jeder zweite Personenwagen in Westeuropa mit ESP ausgerüstet.

1999-2009
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m Jahr 2001 wird ein Modellprojekt des bundesweiten Kompetenznetzes “Depression” vom „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ gestartet. Das Projekt zeigt, dass sich durch eine gemeindebasierte Intervention, also eine Versorgung im Lebensumfeld der Betroffenen, die Versorgung depressiv Erkrankter verbessern und die Selbstmordrate um mehr als zwanzig Prozent reduzieren lässt. An dem Projekt wirken niedergelassene Allgemeinmediziner, Pfarrer, Sozialarbeiter, Lehrer und Angehörige von Betroffenen mit. Die Ergebnisse sind so erfolgreich, dass das Bündnis auch nach Ende der offiziellen Phase des Studienprojekts weitergeführt wird. Auch wird das Nürnberger Konzept auf andere europäische Länder übertragen, im Rahmen des von der Europäischen Kommission geförderten "Europäischen Bündnisses gegen Depression".

Die deutsche Forschung zeigt sich zehn Jahre nach der Wende auch weiterhin als wichtiger technischer und wissenschaftlicher Innovator. Wo die Entwicklung des MP3 Formats am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen beispielhaft für die Forschung in den achziger Jahren ist, so kann die Zahl der jährlich verschickten SMS in den neunziger Jahren ein Symbol für die technische Kompetenzen eines wiedervereinigten Deutschlands sein: Bereits sechs Jahre nachdem überhaupt die erste SMS in Deutschland verschickt wurde, senden Ost- und Westdeutsche einander insgesamt 11,4 Milliarden Kurznachrichten pro Jahr zu.

Im Jahr 2000 bekommen Herbert Kroemer und der Russe Zhores I. Alferov den Nobelpreis für ihre bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der geschichteten Halbleiterstrukturen. Diese bilden die Basis für die moderne Hochgeschwindigkeitselektronik, die auf Licht basiert. Typisch für seine Herangehensweise ist, dass Kroemer sich auf die Grundlagenforschung konzentriert. Die Bedeutung seiner Ideen für den Alltag wird oft erst Jahre später deutlich, wie zum Beispiel sein Konzept eines Hochfrequenz-Transistors, der heute in jedem Handy zum Einsatz kommt. Auch seine Ideen für Halbleiterlaser, wie sie heute in Laserdruckern oder CD- und DVD-Spielern zur Anwendung kommen, können erst mehr als zwanzig Jahre später verwirklicht werden.

Und auch heute forschen und entwickeln deutsche Wissenschaftler an Innovationen für die Zukunft. Nur einige Beispiele sollen die Reichweite der Ideen andeuten. Ingenieure des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) haben einen Spannungswandler entwickelt, der kleinste Energiemengen aus der Umwelt gewinnt und damit elektrische Geräte mit wenig Leistung betreiben kann.
Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF) in Jena hat ein Gerät hergestellt, mit dem Straftatermittler dreidimensionale Abbildungen, zum Beispiel einer Reifenspur, auf dem Laptop festhalten können. Der 3-D-Sensor kann wie ein Fotoapparat in die Hand genommen werden, während herkömmliche Geräte dieser Art fünfmal so schwer und doppelt so groß sind.
Das Institut für Parallele und Verteilte Systeme der Universität Stuttgart entwickelt mit “Cybercars” intelligente Fahrzeuge. Die Wissenschaftler untersuchen, wie Fahrzeuge in großer Anzahl zusammenarbeiten können, um einen sicheren und komfortablen Personentransport zu gewährleisten. Damit das Ganze nicht nur für zehn, sondern auch für hundert oder tausend Autos geeignet ist, wird in Stuttgart ein spezieller Simulator für beliebig große Verkehrssysteme mit beliebig vielen Fahrzeugen konzipiert. Diese Projekte betreffen nicht nur den Verkehr, sondern auch grundlegende Forschungsthemen wie etwa die Mensch-Maschine Interaktion.
An der Universität Dortmund entwickeln Forscher ein Verfahren, bei dem Dioden am Rand eines Bildschirms die Augen von Patienten mit infrarotem Licht beleuchten. Eine Kamera registriert die sich spiegelnden Leuchtpunkte auf der Hornhaut und berechnet die Stellung zum Bildschirm. Weicht die Blickrichtung des Patienten ab, kann das Computerprogramm ihn warnen oder die Software entsprechend einstellen. So lassen sich etwa für eine teilweise gestörte Sehfähigkeit – verursacht zum Beispiel durch einen Schlaganfall – die fehlenden Bildausschnitte am Rechner hinzufügen.

Dem Institut für Materialwissenschaft und Werkstofftechnologie (IMT) der Universität Jena ist es gelungen, in einem Experiment ein Nanomaterial aus Naturstoff zu erzeugen. Diese Nanofasern funktionieren ähnlich wie Fasern, die in Knochen vorkommen. Gebilde aus den neuen Nanofasern sollen in Zukunft als Material zur Regeneration von Knochen und Knorpelmasse genutzt werden.
In einer Forschungsinitiative der Helmholtz-Gemeinschaft namens „Risk Habitat Megacity” untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Dynamik und Komplexität des Bevölkerungswachstums in Großstädten. Ziel ist es, Hebel zu finden, mit denen die Politik diese Wachstumsprozesse besser steuern kann. Wie können Chancen der Urbanisierung genutzt und Risiken zum Beispiel in der Bevölkerungsverteilung vermindert werden?

Die Liste mit Beispielen, wie sich Forschung auf den Alltag auswirkt, könnte noch lange weitergeführt werden.
   Gemeinsam haben diese Beispiele aber oft, dass mit Forschung und Alltag zwei Bereiche aufeinander treffen, die unterschiedlichen Interessen unterliegen. Während die Forschung bestimmt wird vom formalisierten und rationalen Handeln der Wissenschaftler, wird der Alltag bestimmt von einer besonderen Form des Handelns, die nur wenig formalisiert ist und die sich eher orientiert an Laienverständnis, Gemeinschaft und Zusammenleben. So können Forscher sich mit der Frage beschäftigen, wie sich die Mensch-Maschine Interaktion verbessern läßt, während Menschen im Alltag sich einfach nur leicht bedienbare Geräte und Maschinen wünschen.
   Die Fragestellungen in Wissenschaft und Gesellschaft sind oft unterschiedlich, aber die Ziele sind manchmal sehr vergleichbar. Wenn es gelingt, beide Ansätze durch Offenheit und Kommunikation besser miteinander zu verbinden, dann wird Forschung in Deutschland auch in Zukunft dem Alltag ein Wegbereiter sein können.

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last update: 4/12/2009
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