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"Wie sieht die Europäische Forschung aus
und welche Rolle
               spielt Deutschland
            bei der Entwicklung einer der
      wettbewerbsfähigsten und dynamischsten
      wissensbasierten Wirtschaftsraume der Welt?"
Deutschland in Europa - Europa in Deutschland
Wie Deutschland Spitzenforschung im Europäischen Kontext realisiert

Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 steht das wiedervereinte Deutschland nicht nur vor der Herausforderung der Integration zweier Forschungslandschaften im Inland. Auch auf die rasch fortschreitende Globalisierierung muss Deutschland reagieren. Das erfordert eine verstärkte Integration auch in die Europäische Forschungslandschaft. Denn die Forschungsleistungen der gesamten Europäischen Union sollen international mithalten können, sowohl mit den aufkommenden Wirtschaftsräumen Asiens als auch mit den traditionell stark engagierten Staaten Japan und USA.

Eine effiziente Forschungsstrategie gibt es in Europa erst seit dem Jahr 2000. Mit der Verabschiedung der so genannten “Lissabon-Strategie” haben die Länder der Europäischen Union gemeinsam vereinbart, in welchen Bereichen die EU weltweit führend werden soll. Wie sieht die Europäische Forschung aus und welche Rolle spielt Deutschland bei der Entwicklung einer der wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraume der Welt?

Europäische Forschungsstrukturen
Ziel der europäischen Forschungsförderung ist es, die wissenschaftlichen und technologischen Grundlagen der Industrie in der Gemeinschaft zu stärken. Forschung, die im nationalen Kontext nicht realisierbar ist - weil die Geräte, die Mittel oder die Köpfe dazu fehlen - soll im Europäischen Kontext gelingen.
   Die Ausgaben für Forschung- und Entwicklung sollen in ganz Europa auf drei Prozent des Bruttoinlandprodukts der Mitgliedsstaaten steigen. Für die EU als ganze ist das ein ehrgeiziges Ziel, denn für viele Länder bedeutet es eine Verdopplung der Ausgaben für Wissenschaft und Forschung im Vergleich zum Jahr 2006. Deutschland liegt innerhalb Europas weit vorn: Derzeit liegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei 2,85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis zum nächsten Jahr soll der Anteil auf drei Prozent steigen. Nur in Schweden und Finnland wird noch mehr für Forschung und Entwicklung ausgegeben.
   Was die Forschungsstrukturen betrifft, so bestimmt der “Europäische Forschungsrat” die Forschungsschwerpunkte. Dieser Rat übernimmt vergleichbare Aufgaben wie hierzulande die “Deutsche Forschungsgemeinschaft” oder in Amerika die “National Science Foundation”. Er ist vorrangig eine Institution zur Förderung der Grundlagenforschung. Der Forschungsrat ist eigenständig. Er soll von Forschern angeregte Pionierforschung oder Forschung an der Grenze dessen, was die Wissenschaft überhaupt weiß, unterstützen. Ausserdem soll er exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchs beim Start in die wissenschaftliche Unabhängigkeit durch die Gründung einer eigenen Arbeitsgruppe sowie die besten etablierten Forscher oder Forscherteams fördern.
   Auf der europäischen Agenda stehen folgende Themen als Kernbereiche: Gesundheit, Lebensmittel (mit Landwirtschaft, Fischerei und Biotechnologie), Informations- und Kommunikationstechnologien, Nanowissenschaften (mit Nanotechnologien, Material- und Produktionstechnologien), Energie, Umwelt (einschließlich Klimawandel), Verkehr (einschließlich Luftfahrt), Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, Sicherheit und Weltraumforschung.

Die Wissenschaftler Europas nutzen seit dem “Lissabon-Abkommen” verstärkt die Möglichkeiten zur internationalen Zusammenarbeit. Aber auch schon davor hat es in Europa erfolgreiche Neuentwicklungen gegeben:

Schon im Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1952 (kurz EGKS) ist eine Finazierungsmöglichkeit für Forschung und Entwicklung im Gemeinschaftsgebiet vorgesehen. Diese als Vorläufer der Europäischen Union bekannte Union hat die Modernisierung der Produktionen für Kohle und Stahl zum Ziel. Neben Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden gehört auch die Bundesrepublik Deutschland zu der Union.
   Im Jahre 1957 werden die berühmten „Römischen Verträge“ unterzeichnet. Der erste beinhaltet die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der zweite die der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG), besser bekannt unter dem späteren Namen EURATOM. Mit dem Vertrag sollen die Länder Europas zusammen eine neue Energiequelle erschließen: die Kernenergie.
   Hinter der gemeinsamen Entwicklung der Kernenergie steht in den fünfziger Jahren wohl immer noch der Schatten des Krieges. Eine gemeinsame europäische Forschungsinstanz soll potenzielle Kriegsindustrien von nationalistischen Ideen befreien. EURATOM bekommt die besondere Aufgabe, die Kernforschung zu entwicklen und die Verbreitung der technischen Kenntnisse sicher zu stellen.
    Nicht nur in der Kernernergie haben die gemeinsamen europäischen Entwicklungen bereits zu namhaften Erfolgen geführt. Das Mobiltelefon und der Airbus sind in Europa entwickelt worden. Auch das Wold Wide Web hat seinen Ursprung in der EU: in der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf.

Nicht nur in der Forschung wächst Europa zusammen, sondern auch in der Bildung. Denn noch nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass das ehrgeizige Ziel gesetzt wurde, dass in Europa ein gemeinsamer Hochschulraum geschaffen werden soll. Bereits heute ist in den meisten Ländern - auch in Deutschland (außer in den Fächern Theologie, Jura und Medizin) - die Einführung eines gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master fast abgeschlossen.

Das Siebente Forschungs-Rahmenprogramm
Zur Zeit arbeitet die EU mit dem siebenten Forschungs-Rahmenprogramm, kurz ”FP7“. Es läuft seit dem Jahr 2007 und soll langfristig die europäische Forschung unterstützen. Dafür wurde extra die Laufzeit dieser Art von Programmen von vier auf sieben Jahre verlängert. Auch wurde das Prozedere für die Beantragung und Bewilligung von Forschungsprojekten erheblich vereinfacht. FP7 ist ausgelegt als ein Forschungsprogramm, welches sowohl für die europäische Forschung als auch für die Industrie Vorzüge bietet. So wurden bei der Formulierung der Forschungsschwerpunkte auch Fragen berücksichtigt, die aus industriellen Bedürfnissen hervorgegangen sind.
   Insgesamt ist das FP7 das bisher ehrgeizigste Forschungsprogramm, das jemals von der EU umgesetzt wurde. Mit einem Gesamtbudget von 54 Milliarden Euro - fast doppelt soviel wie beim Vorläuferprogramm - ist das FP7 das größte einzelne und öffentlich finanzierte Forschungsprogramm der Welt.

Für die deutsche Forschungslandschaft hat FP7 eine große Bedeutung. Wissenschaftler aus Deutschland sind bereits an etwa achtzig Prozent aller Projekte in den Kernthemen des Programms beteiligt. Bezogen auf die reine Projektförderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erreichen die Fördermittel aus der EU inzwischen Größenordnungen von rund der Hälfte aller Fördermittel des BMBFs.
   Es gehört auch explizit zu den Zielen der deutschen ”High-Tech-Strategie“, die Gestaltung der Europäischen Forschungs- und Innovationspolitik zu verbessern. Deutsche Forscher sollen sich aktiv an internationalen, insbesondere europäischen Netzwerken beteiligen.

Im Folgenden ein paar Beispiele dafür, wie deutsche Forscher europäische Forschung stärken, und umgekehrt: wie Europa die Forschung in Deutschland stärkt.
   - In einem Projekt, an dem das Albert-Einstein-Institut der Universität Hannover maßgeblich beteiligt ist, geht es um die Forschung der Astroteilchen-Physiker. Diese arbeiten in einem noch relativ jungen Fach an der Schnittstelle von Astronomie, Astrophysik, Kosmologie und Elementarteilchenphysik zusammen. Sie suchen nach Elementarteilchen kosmischer Herkunft, zum Beispiel kosmischen Neutrinos. Ihre Experimente finden zum Teil an entlegenen Plätzen wie dem Südpol, der argentinischen Steppe oder dem Südwesten Afrikas statt, andere in tiefen Tunneln oder auf hohen vulkanischen Gipfeln. Die dafür benötigten Großgeräte sind sehr kostspielig. In vielen Fällen kann sich das ein einzelnes Land nicht leisten. Um Anlagen wie Neutrino-Teleskope zu finanzieren aber auch um Forschungsaktivitäten stärker zu koordinieren haben sich die Astroteilchen-Physiker der Europäischen Union im Netzwerk ”Aspera“ zusammen getan.
   - Unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in Garching arbeitet ein aus 37 Partnern aus ganz Europa bestehendes Forschungs- und Industriekonsortium daran, neue Höchstleistungsmaterialien zu entwickeln. Es geht um Werkstoffe, die zum Beispiel extreme Wärmemengen abführen können, oder ultradünne Schutzschichten, die auch bei hoher Temperatur für schädigende Stoffe undurchlässig bleiben. Das Projekt hat 2004 begonnen und konnte drei Jahre nach dem Start bereits erfolgreiche Entwicklungen vorweisen: Ein Meilenstein beim Hitzeschutz wurde zum Beispiel mit porösem Siliziumkarbid erreicht. Wird das keramische Material lagenweise angeordnet, sinkt seine Wärmeleitfähigkeit erheblich und es wird zäher. Enorme, schockartige Wärmelasten können schadlos bewältigt werden.
   - Wie können Maschinen intelligenter werden? Das EU-Forschungsprojekt “EU-Cognition II” versucht das Wissen aus Neurowissenschaften, Psychologie, Linguistik, Informatik, Robotik, Bionik und Mathematik so zu bündeln, dass künftig Maschinen und Roboter etwa bei der Arbeit im Haus oder im Operationssaal helfen können. Auch wenn die Ansätze heutzutage schon viel versprechend sind: der Weg zum Ziel ist noch weit. Die Forschung steht noch am Anfang, und noch ist es eine offene Frage, ob es tatsächlich gelingen wird, Roboter so zu konstruieren, dass sie ihre Aufgaben in sich ständig änderende Umfelder flexibel und sicher genug erledigen können. Wichtige Voraussetzung dafür ist auf jeden Fall, dass sie es lernen, mit anderen Maschinen und mit Menschen zu kommunizieren. Auch ist es essentiell, dass sie lernen ihre Welt wahrzunehmen, indem sie hören, sehen und spüren. Die Forscher erreichen hier die Grenzen des menschlichen Wissens: Die europäische Vernetzung dient im Moment vor allem dazu, dass Theoretiker und Praktiker aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen miteinander in Verbindung kommen. Auffällig ist, dass auch in diesem sehr jungen Forschungszweig, in dem die Interdisziplinarität von besonderer Bedeutung ist, Deutsche Wissenschaftler maßgeblich beteiligt sind: Die Hälfte der Partner im Forschungsprojekt sind deutsche Wissenschaftler, darunter auch der Projektkoordinator.
   - In dem von der Universität Bremen koodinierten EU-Projekt ”wearIT@work“ arbeiten Informatiker und Techniker am profesionellen Einsatz von Kleidung mit eingearbeiteten Computern. Bereits seit einigen Jahren sind Jacken mit integriertem MP3-Player auf dem Markt, ebenso wie T-Shirts, die den Puls messen. Nun soll die persönliche Hightech-Ausrüstung Menschen in ihrer Arbeit unterstützen. Feuerwehrleute können beispielsweise über Sensoren in ihrer Schutzkleidug über mögliche Gefahren im Umfeld eines Brandes gewarnt werden: Starke Hitze- und Rauchentwicklung werden angezeigt, oder auch der eigene Puls und Blutdruck. Aber auch die Einsatzzentrale empfängt die Daten und kann ihre Leute über Sensoren in den Stiefeln permanent lokalisieren und so Pläne vom Einsatzort entwerfen. Ein Minicomputer im Hosenbund verarbeitet die Daten und gibt sie an ein Display im Helm der Feuerwehrleute weiter.

Wie wird Europa von Außen wahrgenommen?
Es müssen aber nicht immer Großgeräte-, Bio-, Nano- oder Hightechforschung sein, in der deutsche Forscher und Forscher anderer europäischer Länder zusammenkommen. Bereits im sechsten Rahmenprogramm der Europäischen Union wurde eine Forschungskooperation im Bereich der Menschenrechte von der Universität Osnabrück geleitet. Ziel war es, die Forschung über Menschenrechtsverletzungen auf einem einheitlichen Standard zu bringen und die Grundlagen der interpersonellen Gewalt zu erkunden. Untersucht wurden die Ursachen von sozialer Ausgrenzung und Gewalt. Somit konnten die Länder Europas sehen, welche Interventionen von staatlichen und Nicht-Regierungs-Organisationen vor Gewalt im sozialen Umfeld schützen können.
   Auch im siebten Ramenprogramm haben Forschungsthemen aus den Sozial-, Wirtschafts-, und Geisteswisenschaften ihren Platz. Es geht um Fragen wie: Welchen konkreten Beitrag kann die Biotechnologie für unseren Wohlstand leisten? Welche gesellschaftlichen Faktoren tragen zur Innovation bei? Wo braucht es heute neue Technologieen, um künftig die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ziele im erweiterten Europa zu erreichen? Gibt es bereits eine europäische Identität? Wie wird Europa von außen wahrgenommen?”
   Hier spielt Deutschland ebenfalls ganz vorne mit: Unter der Koordination des “Mannheim Centre for European Social Research” arbeiteten 42 Forschungseinreichtungen aus 23 europäischen Staaten zusammen. Es gibt dabei keine Fragen, denen aus dem Weg gegangen wird. So hat zum Beispiel die Frage nach dem Spannungsverhältnis von Regierungseffizienz und Demokratie eine, nicht nur für die Forschung, grundlegende Bedeutung.

So zeigt sich, dass die Forschungslandschaft im vereinten Deutschland sich unaufhaltsam in Richtung Europa entwickelt. Eine Herausforderung dabei ist es, das föderale Forschungsmodell, welches in der Bundesrepublik so große Erfolge erzielt hat, auch in einem europäischen Kontext beizubehalten. Ziel wird es sein, die Reformen zwischen Bund und Ländern abzustimmen mit der gesamteuropäischen Entwicklung auf dem Forschungssektor. Denn nur so wird Deutschland auch in einem vereinten Europa mit Recht das “Land der Ideen” bleiben.


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